Art

Mein Bild für meinen kleinsten Enkel
 
und die Story dazu:
… und Julian lief, was seine kleinen Beine hergaben. Wollte er doch wissen, wie die Welt denn sonst noch sei, in die er erst vor kurzer Zeit hineingeboren worden war. Wiesen und Hügel wechselten sich ab, während er ständig neue Horizonte entdeckte. Da war es plötzlich ein sehr großer Baum, den er in der einsamen Landschaft vorfand – konnte es der Gestalt nach ein Ahorn sein.
Julian schaute nach oben. Seine Augen folgten dem borkigen Stamm entlang in das endlos scheinende Geäst. Dabei vermochte er nicht einmal das Ende des Riesen zu erblicken, weshalb er annahm, dieser müsse in den Himmel wachsen. „Welches Geheimnis mag wohl dieser wundersame Baum in sich bergen?“ dachte der Kleine. Er malte sich aus, wie es denn wäre, könnte er in dem Gewirr der Äste umher klettern und dessen Geheimnisse erkunden.
Offensichtlich fand auch der Baum Gefallen an der Neugier des Jungen, was ihn wohl veranlasst hatte, ihn an seinen Zauber teilhaben zu lassen. Da öffnete er ein Fenster, mitten in seiner mächtigen Gestalt und gab einen Blick frei in eine Landschaft, wie sie Julian noch nie zuvor gesehen hatte. Es war ein Bild, wie es wohl in seinen Träumen erschien, aber fern jeder Wirklichkeit. Als Julians Augen immer größer wurden, vernahm er eine Stimme, die zu ihm sprach: „Ich mag es, wenn Menschen friedfertig sind und neugierig. Du scheinst mir da der Richtige zu sein“, brummte der knorrige Alte. Julians Staunen nahm kein Ende. „Das, was du hier siehst, ist die Zeit vor der Zeit. Du kannst nun schauen in die Zeit deiner Ahnen und auch lange davor. Da ist auch die Zeit, als noch kein Mensch die Erde betreten hatte. Du, kleiner Mensch, du magst alles schauen, was deine Neugier von dir fordert. Bewahre das, was man Phantasie nennt, pflege diese Fähigkeit und gib sie weiter an die, die das wollen.“
„Wenn das so ist,“ plapperte Julian, „dann kann ich mir ja auch denken, dass ich das Wasser, welches den See in deinem Bild füllt, auch wirklich fühlen kann.“ Kaum war der Satz über seine Lippen, da rauschte ein mächtiger Schwall des Sees über das Fensterbrett hinweg hinab zu den Füßen des neugierigen Kindes. Im Nun bildete sich ein Tümpel und grüne Pflanzen drängten ans Licht. „Kommt da noch mehr?“ freute sich der Kleine. „Das wird kein Problem sein, war die Antwort.“ In das Rauschen des Wassers gesellte sich plötzlich ein Geräusch wie von einem Flügelschlag. Und tatsächlich brauste ein großer Schmetterling tanzend um Julians Kopf. Nicht genug des Wunders sah man einen kleinen Reiter in rotem Hemd auf dem Rücken des Flattertiers. „Ich komme aus der Zeit vor der Zeit. Schau in das Fenster und du siehst auch meine Freunde. Du kannst auch andere Tiere entdecken, wann immer deine Neugier das verlangt.“
Julian war nur noch sprachlos, staunend über das, was hier geschah. „Ja, wenn das so ist, wie der Schmetterlingsreiter sagt, dann darf ich auch weitere Wünsche haben“ murmelte der Junge. „Ein zartes Lied oder eine hübscher Gesang wäre jetzt die rechte Zutat für diesen wundervollen Tag.“ Kaum gedacht, da raschelte es im Schilf des Tümpels. Eine feine Gestalt, zart und zerbrechlich wie dünnes Porzellan, saß am Rand des Wassers und blies in eine Kristall-kugel, die sie in eine Hand zum Munde führte. Zauberhafte Klänge schallten in den Raum. Sie vermochten sogar, das Rauschen des Wassers zu übertönen. Gebannt, ja regelrecht gefesselt von dieser feinen Melodie konnte Julian sich nicht lösen von dem was er vernahm.
Die kleine Elfe unterbrach ihr Flötenspiel und schaute den Jungen an: „Mein Name ist Graziella. Es ist Deine Neugier, die mich zum Spielen veranlasst. Da diese Klänge dein Herz erreichen, kannst Du immer, wenn Du magst, meinem Spiel folgen. Gerne singe ich Dir auch Lieder aus der Zeit vor der Zeit. Ein Lied aus uralter Zeit erzählt vom Zauberwesen Rusalka und ihrer unglücklichen Liebe zu einem Prinzen. Das ist das Lied an den Mond“. „Ja,“ meinte Julian „auch das will ich hören.“ So sang die Elfe das Lied in glockenheller Stimme, die jedes Herz erweichen ließ.
Julian wähnte sich in einem Traum voller Zauber. Seine Neugier hatte ihn doch an einen Ort geführt, der anders, als die Welt, die er bisher kannte, neue Welten und Wesen beheimatete, die seine Seele mit Freude erfüllten. Er hatte nun gelernt, dass neben allem, was er bisher entdeckt hatte und allem, was nach klaren Regeln sein junges Leben bestimmte, auch ein Reich existierte, welches von den Wünschen der Seele bestimmt war. Es musste wohl etwas besonderes daran sein, dass er kaum zuvor davon gehört hatte. Die Märchen, die er von seiner Mutter kannte, führten ihn zwar immer wieder in ein wundersames Reich an Gedanken, aber so nah, wie an diesem Tag, hatte er derartiges noch nie erlebt.
Nun war es an der Zeit, den Heimweg anzutreten. Julian bedankte sich artig bei der Elfe, dem Schmetterlingsreiter und dem wundersamen Baum. „Hab ein schönes Leben!“ brummte der Baum, während er sein Fenster schloss. „Bewahre deine Friedfertigkeit und deine Neugier, dann wird dir diese Welt stets offen sein.“
Zufrieden, nahezu beglückt kehrte Julian zurück in die Welt, wie er sie bisher kannte. Daheim angekommen drückte er seine Mutter herzhaft an sich und sprudelte sein Glück und sein Erlebtes hinaus. Die Mutter staunte nur über die „Schmetterlinge, auf die einer reitet, den Baum, der sprechen kann und eine Elfe, deren Lied die Seelen zum Träumen bringt…“
Schmunzelnd setzte sie ihren Jungen an den Abendbrottisch. „Ich sehe,“ meinte sie lächelnd „du warst wieder bei Opa

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